Klaus D. Jung · Coaching und Kurse für Oper und Gesang

ueber klaus d jungMein besonderes Interesse gilt seit jeher dem Gesang als Grundlage allen Musizierens. Im Laufe meines Berufslebens stellte sich mir immer wieder die Frage, woran es liegen mag, dass viele stimmlich begabte Sänger so schnell an ihre Grenzen stoßen, Karrieren viel zu früh enden oder erst gar nicht starten? Dass oft nicht mehr als ein oberflächliches al fresco-Singen ohne Details möglich ist? Dass ich weder durch die Stimme noch durch die Musik berührt werde? Dass ein wirkliches Eindringen in die Komposition mit all ihren tausenden Facetten anscheinend so schwierig ist?
Ich wollte es genauer wissen und nahm dafür auch mehrere Jahre Gesangsunterricht bei Prof. Olga Hofmann. Dabei ging es mir ausschließlich um Stimmtechnik. Das, was ich da so wunderbar am eigenen Leib spürte, deckte sich mit meinen Erfahrungen als Opernkapellmeister. Stimmliche Probleme und musikalische Schwierigkeiten in der Ausführung sind in den meisten Fällen durch eine gesteigerte Aufmerksamkeit für die inneren kompositorischen Vorgänge eines Werkes zu lösen.
Genau darum geht es mir als Dirigent. Ich verstehe meine Aufgabe nicht in der Suche nach einer Interpretation, einer persönlichen Auffassung, sondern im Finden dessen, was der Komponist gemeint hat – seiner Wahrheit. Dass diese dann durchaus persönlich, von jedem individuell geprägt sein wird, ist selbstverständlich. Sänger und Musiker zu führen, kann nur gelingen, wenn die Beteiligten sich in Freiheit der Führung durch die Musik anvertrauen. Aufmerksames Hören und Horchen spielt für die Entwicklung der musikalischen Vorstellungskraft eine zentrale Rolle. Das Ohr ist nach innen gerichtet und im Gegensatz zum Auge um ein vielfaches sensibler und präziser in der Wahrnehmung. In gedruckten Noten auf dem Pult betrachten wir bestenfalls die Oberfläche dessen, was sie eigentlich beschreiben. Doch in einer immer stärker ausschließlich dem Sichtbaren vertrauenden Zeit werden wir der Musik, die nun einmal eine Hör-Kunst ist, so kaum gerecht. Bei vielen Sängern beobachte ich den Irrglauben, musikalische Probleme seien gesangstechnisch zu lösen. Sie können sie aber nur durch ein tieferes Verständnis der Musik lösen – so wie stimmliche Probleme nur durch die Vervollkommnung der Stimmtechnik behoben werden können. Wenn hier Verwirrung herrscht und der Künstler und sein Instrument getrennt betrachtet werden, sind die Grenzen schnell erreicht. Es geht dann nicht mehr um das, was am Ende erklingen soll (nämlich Musik, mit all ihren vom Komponisten geschaffenen inneren und äußeren Eigenheiten), sondern ausschließlich um das wie, den Weg dahin. Aber das was ist entscheidend, nicht das wie.
Die intensive, geduldige und durchaus zeitaufwändige Arbeit der Dirigenten und Opernkapellmeister früherer Generationen mit dem einzelnen Sänger und dem Ensemble ist im heutigen Opernbetrieb eher eine Ausnahme als die Regel. Gerade deshalb ist jeder Sänger gefordert, selbst die volle Verantwortung, nicht nur für seine Stimme, sondern auch für seine musikalische Glaubwürdigkeit zu tragen.
Die Musik – und nur sie – gibt der Stimme den Weg vor. Sie ist die einzige hundertprozentige Sicherheit, die Sänger haben können. Je tiefer und leidenschaftlicher Sie sich mit der zu singenden Musik verbinden, eins mit ihr werden, umso leichter wird sich der Weg dahin gestalten.

"Man braucht ein Herz, einen großen Mund, Musikalität…"
Enrico Caruso